Ehen in Philippsburg

Es wurden insgesamt 123 Einträge zu 'Ehen in Philippsburg' gefunden (Stand: 25.04.2008).

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Walser, Martin (deutscher Schriftsteller, geb. 1927 Wasserburg/Bodensee). Eigenhändiger Brief mit Unterschrift "Martin". An Traudel Flackus geb.Sinzenich in Würzburg. Friedrichshafen, 26.9.1958.
Inhaltsreicher, sehr persönlicher Brief: "ich glaube ich habe Deinen Brief nicht beantwortet?! Ich wollte ihn, da er kurz vor meiner Abreise eintraf nicht mit nach Amerika nehmen, aber wenn ein Wasserburger zum ersten Mal für ein Vierteljahr soweit fortfährt, dann vergißt er manches... Du weißt ja selbst, daß manchmal Briefe aus unserer Vergangenheit uns in die Gegenwart nachgeschickt werden und wir sehen dann, daß uns diese Briefe eigentlich nicht mehr erreichen. Die Schreiber gehören so sehr der Vergangenheit an, daß sie, wenn sie ein bißchen Empfindlichkeit, Takt oder auch bloß gesunden Menschenverstand hätten, nicht versuchen würden, quer durch die dicken Mauern der Jahre hindurch uns einen Brief nachzuschicken. Erstaunlich ist... wirklich, wie wenig Dein Brief zu dieser Art toter Post gehört; ich habe daraus den Schluß gezogen, daß unsere gemeinsame Zeit kein Irrtum war..." Setzt sich dann länger mit Anmerkungen und Kritik der Adressatin an seinem Roman "Ehen in Philippsburg" auseinander: "daß mich Dein Brief so gegenwärtig anmutete ist einfach die Verläßlichkeit Deines Urteils oder besser: Deines gut gebildeten Geschmacks. Wohlwollende und herzliche Leute gibt es viel, und man muß manchen dankbaren Brief an sie schreiben, aber daß Du ganz ganz ganz genau empfunden hast, daß Klaff an Kafka erinnert, daß die Sebastian-Sache übertrieben ist, das hat mich doch mehr als bloß angenehm überrascht! Nur die Abtreibungsszene darf ich Dir nicht preisgeben, das ist wirklich nicht provinziell orientiert als stoffliche Vorlage, es ist so großstädtisch als nur möglich, leider... und ich habe nicht den nächstbesten Fall genommen, sondern sorgfältig ausgewählt und dann untertrieben, leider!!. Deine Reaktion zeigt mir, wie wenig vertraut man mit diesem Alltag ist..." Mit Unterschrift "von Deinem Martin und seinen ihn beschützenden Schützlingen." Die Adressatin verband wohl eine engere Beziehung mit dem jungen Walser. Später heiratete sie, war aber weiterhin mit Walser und seiner Familie befreundet. Traudel Sinzenich (verh. Flackus) war Mitarbeiterin in der Literaturabteilung der Kulturedaktion von Radio Stuttgart (später Süddeutscher Rundfunk), Kollegin des Literaturhistorikers Karl Schwedhelm (der ebenfalls dort arbeitete) und mit Martin Walser befreundet. Siehe weitere Angebote in unserem Literaturkatalog.
[Autographen]

2 eng beschriebene S. (A4). In eigenhändig adressiertem Kuvert.

Details

Chargesheimer und Martin Walser: Theater-Theater. Ein Bilderbuch des Theaters. Mit einem 9-seitigen Text von Martin Walser. EA. Velber bei Hannover, Friedrich, 1967.
"Zwei Tagträume vom Theater: so könnte dieses Buch auch heißen. Ein Fotograf hält fest, was er im Theater sieht - auf der Probe, in den Werkstätten, den Garderoben, im Zuschauerraum, am Tage und abends, wenn gespielt wird. Ein Schriftsteller denkt über das Theater - sein Theater? - nach." (Vorwort) Chargesheimer (1924-1972), Photograph und Maler Walser, Martin (Johannes), *24.3.1927 Wasserburg/Bodensee. W., Sohn eines Gastwirts, diente gegen Ende des 2.Weltkriegs als Flakhelfer und geriet in Gefangenschaft; 1946 Abitur; Studium der Literatur, Geschichte und Philosophie in Regensburg und Tübingen; 1951 Promotion mit einer Arbeit über Franz Kafka ("Beschreibung einer Form"); 1949-57 Mitarbeiter beim Süddeutschen Rundfunk, in dessen Auftrag er verschiedene europäische Länder bereiste; 1957 zog er an den Bodensee zurück. W. ist Ehrenbürger seines Geburtsortes. Mitglied der Akademie der Künste, Berlin und der Dt. Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Gastdozent an verschiedenen amerikanischen, englischen und deutschen Universitäten. - Preise (u.a.): Preis der Gruppe 47 (1955), Hesse-Preis (1957), G.-Hauptmann-Preis (1962), Filmförderungspreis (1971), Schiller-Gedächtnispreis (1980), Heine-Plakette Düsseldorf (1981), Büchner-Preis (1981), 1990 Gr. Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Zuckmayer-Medaille Rheinland-Pfalz und Ricarda-Huch-Preis. Gr. Bundesverdienstkreuz mit Stern 1994. W.s epische und dramatische Figuren sind Angehörige der Mittelschicht, die in ihrem Kampf um sozialen Aufstieg und in ihrer Suche nach privatem Glück beschrieben werden. Der vom Konkurrenzprinzip verursachte Zwang zum Rollenverhalten gerät dabei in Widerspruch zu ihrem Streben nach Ich-Identität. Für W. hat Literatur einen Veränderungsauftrag und eine aufklärerische Funktion. Sein Realismus der Selbsterfahrung im Rollenkonflikt steht dabei fern von einer Tendenz zur Neuen Innerlichkeit: die Trennung von Berufs- und Privatsphäre, damit die von Erfolg und Glück, wird enthüllt als falsche und verordnete, die sich aber unter den gegebenen repräsentativen Existenzbedingungen der Figuren nicht aufheben läßt. Die Selbstreflexionen der Figuren zeigen mehr oder minder direkt das Fortwirken gesellschaftlicher Rollen und Konventionen in Familienleben und Glücksvorstellungen. In den individuellen Identitätskonflikten kann W. somit die gesellschaftlichen aufspüren. Auch der erotische Eskapismus Anselm Kristleins erweist sich noch als Rollenverhalten, der Konventionsbruch selbst als Konvention. W. nimmt seine Figuren ernst in den Wunschvorstellungen, die sie von sich haben; dies gilt auch dort, wo das Scheitern dieser Vorstellungen an der Realität ironisch oder satirisch dargestellt wird. Nach W.s Auffassung von Literatur kann sich ihr Veränderungsauftrag nur über den Prozeß der Rezeption der negativen Lebenserfahrungen erfüllen; W. bietet keine Lösungsprogramme positiv an. W.s politisches Engagement suchte sich primär außerliterarische Betätigungsfelder: so etwa bei seiner distanzierten Sympathie für die DKP, dem Engagement gegen den Vietnamkrieg, für die Werkkreisliteratur und - in den letzten Jahren - für ein neues nationales Selbstverständnis. W. beginnt mit parabelhafter Prosa (Ein Flugzeug über dem Haus). Der Einfluß Kafkas wie auch Robert Walsers zeigt sich vor allem in der spezifischen Ironie: der "ironischen Existenz" - nämlich gelten zu lassen, "was gilt, als gelte es" - im Gegensatz zu Th. Manns Ironikern ( Selbstbewußtsein und Ironie). Damit ist die spätere Rollenproblematik bereits vorbereitet. Um des beruflichen Fortkommens willen modelt sich Hans Beumann (Ehen in Philippsburg) nach dem Bild, von dem er glaubt, daß es die anderen von ihm haben. In der Anselm-Kristlein-Trilogie (Halbzeit, Das Einhorn, Der Sturz) entwickelt W. sein für die folgenden Werke charakteristisches Verfahren der Alltagsepik. Im Unterschied zur Polyperspektivität des vorangegangenen Stationenromans reflektiert der erfolgreiche Vertreter und schließliche Werbetexter Anselm Kristlein über Ich-Konflikte und die Banalitäten des Alltags. Gelegenheit zur Selbstreflexion bietet wie so oft bei W. eine tatsächliche oder vorgespielte Krankheit. Die Schilderung ist besonders eindringlich durch innere Monologe, durch das Wechseln der Erzählerperspektive von der Ich- zur Er-Form sowie durch die Privates, Natur und Gesellschaftliches vermittelnde Metaphorik. Bestimmte Bewußtseinsverfassungen Kristleins korrespondieren den jeweiligen sozialen Prozessen, in denen er sich befindet: Aufstieg (Halbzeit ), Versuch, den erreichten Status zu erhalten (Einhorn) und Abstieg (Der Sturz). In seinen Theaterstücken beginnt W. früh, politische Themen zu behandeln. In Eiche und Angora wird der Faschismus als Problem der Gegenwart thematisiert. In Der Schwarze Schwan wird die Frage aufgeworfen nach der Möglichkeit des Protests gegen angepaßtes Verhalten unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. In Abstecher, seinem ersten Stück, und in Die Zimmerschlacht. Übungsstück für ein Ehepaar, seinem erfolgreichsten, herrschen die privaten Themen vor. Eine Parabel des Kapitalismus stellt Überlebensgroß Herr Krott vor. Als dramatisch-ästhetisches Mittel ist W.s Stücken der reflektierende Immobilismus seiner Figuren gemein ("Bewußtseinstheater"). Konflikte werden so weit vorangetrieben, bis ein Ausbruchsversuch unvermeidlich zu sein scheint. Dieser unterbleibt jedoch. Im Sauspiel versucht W. mittels der Perspektive der Gegenwart auf die historischen Ereignisse um den deutschen Bauernkrieg Einsichten in das Funktionieren konservativer Restauration zu vermitteln. Parallel zu seinem außerliterarischen Engagement probiert W. in Die Gallistl"sche Krankheit die literarische Tauglichkeit einer positiven Lösung. Die Heilung seiner Krankheit, die dem Kristlein-Syndrom von Einsamkeit, Konkurrenzdruck und Rollenzwang entspricht, erfährt Josef G. Gallistl durch eine vorsichtige Anbindung an eine Gruppe befreundeter Kommunisten. Dieser Lösungsversuch entspringt der Einsicht, daß die Rollenkonflikte privat nicht zu lösen sind, sondern nur durch Solidarität und gesellschaftliche Veränderung. Seitdem verschob sich W.s Perspektive von dem Ringen um individuelle bzw. kollektive Heilung auf das bloße Überleben seiner Figuren. Als sich der verdiente Firmenrepräsentant Franz Horn (Jenseits der Liebe) beruflich überfordert sieht und der soziale Abstieg droht, zerbricht auch seine Familie; aber auch sein Selbstmordversuch schlägt fehl. In Brief an Lord Liszt hat sich Franz Horn wieder gefangen und versucht, seine Deformationen aufzuschreiben. Die satirische Pointe besteht im Überdauern verinnerlichter Rollenmuster, deren realer Anlaß nicht mehr besteht: Liszt ist von ihrem gemeinsamen Chef inzwischen ebenso ausgetauscht worden wie vordem Horn. In In Goethes Hand zeichnet W. das Bild Johann Peter Eckermanns, der 1823 erstmals nach Weimar kam und dessen Fixierung auf Goethe lebensentscheidend war. Mitten in der Arbeit an den "Gesprächen" besucht ihn Freiligrath. In einem Interview trifft der neue Geist der Revolution - der Geist Freiligraths, Börnes und Marx" - auf Eckermanns naiv idealisierendes Goethebild. In diesem zentralen Gespräch erscheint Eckermann als ebenso tragikomische wie liebenswerte Figur, und es wird das Verhältnis von deutscher Klassik und deutscher Geschichte beleuchtet. Dorle und Wolf ist eine deutsch-deutsche Spionage- und Liebesgeschichte. Die Rollenproblematik der Figuren W.s. wird im Spion Wolf, für den gesellschaftliche Mimikry lebensnotwendig ist, auf die Spitze getrieben. Ohne einander - die Tragödie einer Gesellschaft, deren Realität so lange umgeschrieben werden muß, bis sie erträglich wird. Autorenlexikon/Systhema

188 S., Mit 176 Photographien von Chargesheimer. 33x24,5 cm. Illustrierter Originalpappband.

[SW: Theater]

Details

Walser, Martin: Das Schwanenhaus. Roman. (=Suhrkamp-Taschenbuch ;st 800) Erste Auflage dieser Ausgabe. Frankfurt am Main, Suhrkamp-Taschenbuch-Verlag, 1982. ISBN: 3518373005
Walser, Martin (Johannes), *24.3.1927 Wasserburg/Bodensee. W., Sohn eines Gastwirts, diente gegen Ende des 2.Weltkriegs als Flakhelfer und geriet in Gefangenschaft; 1946 Abitur; Studium der Literatur, Geschichte und Philosophie in Regensburg und Tübingen; 1951 Promotion mit einer Arbeit über Franz Kafka ("Beschreibung einer Form"); 1949-57 Mitarbeiter beim Süddeutschen Rundfunk, in dessen Auftrag er verschiedene europäische Länder bereiste; 1957 zog er an den Bodensee zurück. W. ist Ehrenbürger seines Geburtsortes. Mitglied der Akademie der Künste, Berlin und der Dt. Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Gastdozent an verschiedenen amerikanischen, englischen und deutschen Universitäten. - Preise (u.a.): Preis der Gruppe 47 (1955), Hesse-Preis (1957), G.-Hauptmann-Preis (1962), Filmförderungspreis (1971), Schiller-Gedächtnispreis (1980), Heine-Plakette Düsseldorf (1981), Büchner-Preis (1981), 1990 Gr. Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Zuckmayer-Medaille Rheinland-Pfalz und Ricarda-Huch-Preis. Gr. Bundesverdienstkreuz mit Stern 1994. W.s epische und dramatische Figuren sind Angehörige der Mittelschicht, die in ihrem Kampf um sozialen Aufstieg und in ihrer Suche nach privatem Glück beschrieben werden. Der vom Konkurrenzprinzip verursachte Zwang zum Rollenverhalten gerät dabei in Widerspruch zu ihrem Streben nach Ich-Identität. Für W. hat Literatur einen Veränderungsauftrag und eine aufklärerische Funktion. Sein Realismus der Selbsterfahrung im Rollenkonflikt steht dabei fern von einer Tendenz zur Neuen Innerlichkeit: die Trennung von Berufs- und Privatsphäre, damit die von Erfolg und Glück, wird enthüllt als falsche und verordnete, die sich aber unter den gegebenen repräsentativen Existenzbedingungen der Figuren nicht aufheben läßt. Die Selbstreflexionen der Figuren zeigen mehr oder minder direkt das Fortwirken gesellschaftlicher Rollen und Konventionen in Familienleben und Glücksvorstellungen. In den individuellen Identitätskonflikten kann W. somit die gesellschaftlichen aufspüren. Auch der erotische Eskapismus Anselm Kristleins erweist sich noch als Rollenverhalten, der Konventionsbruch selbst als Konvention. W. nimmt seine Figuren ernst in den Wunschvorstellungen, die sie von sich haben; dies gilt auch dort, wo das Scheitern dieser Vorstellungen an der Realität ironisch oder satirisch dargestellt wird. Nach W.s Auffassung von Literatur kann sich ihr Veränderungsauftrag nur über den Prozeß der Rezeption der negativen Lebenserfahrungen erfüllen; W. bietet keine Lösungsprogramme positiv an. W.s politisches Engagement suchte sich primär außerliterarische Betätigungsfelder: so etwa bei seiner distanzierten Sympathie für die DKP, dem Engagement gegen den Vietnamkrieg, für die Werkkreisliteratur und - in den letzten Jahren - für ein neues nationales Selbstverständnis. W. beginnt mit parabelhafter Prosa (Ein Flugzeug über dem Haus). Der Einfluß Kafkas wie auch Robert Walsers zeigt sich vor allem in der spezifischen Ironie: der "ironischen Existenz" - nämlich gelten zu lassen, "was gilt, als gelte es" - im Gegensatz zu Th. Manns Ironikern ( Selbstbewußtsein und Ironie). Damit ist die spätere Rollenproblematik bereits vorbereitet. Um des beruflichen Fortkommens willen modelt sich Hans Beumann (Ehen in Philippsburg) nach dem Bild, von dem er glaubt, daß es die anderen von ihm haben. In der Anselm-Kristlein-Trilogie (Halbzeit, Das Einhorn, Der Sturz) entwickelt W. sein für die folgenden Werke charakteristisches Verfahren der Alltagsepik. Im Unterschied zur Polyperspektivität des vorangegangenen Stationenromans reflektiert der erfolgreiche Vertreter und schließliche Werbetexter Anselm Kristlein über Ich-Konflikte und die Banalitäten des Alltags. Gelegenheit zur Selbstreflexion bietet wie so oft bei W. eine tatsächliche oder vorgespielte Krankheit. Die Schilderung ist besonders eindringlich durch innere Monologe, durch das Wechseln der Erzählerperspektive von der Ich- zur Er-Form sowie durch die Privates, Natur und Gesellschaftliches vermittelnde Metaphorik. Bestimmte Bewußtseinsverfassungen Kristleins korrespondieren den jeweiligen sozialen Prozessen, in denen er sich befindet: Aufstieg (Halbzeit ), Versuch, den erreichten Status zu erhalten (Einhorn) und Abstieg (Der Sturz). In seinen Theaterstücken beginnt W. früh, politische Themen zu behandeln. In Eiche und Angora wird der Faschismus als Problem der Gegenwart thematisiert. In Der Schwarze Schwan wird die Frage aufgeworfen nach der Möglichkeit des Protests gegen angepaßtes Verhalten unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. In Abstecher, seinem ersten Stück, und in Die Zimmerschlacht. Übungsstück für ein Ehepaar, seinem erfolgreichsten, herrschen die privaten Themen vor. Eine Parabel des Kapitalismus stellt Überlebensgroß Herr Krott vor. Als dramatisch-ästhetisches Mittel ist W.s Stücken der reflektierende Immobilismus seiner Figuren gemein ("Bewußtseinstheater"). Konflikte werden so weit vorangetrieben, bis ein Ausbruchsversuch unvermeidlich zu sein scheint. Dieser unterbleibt jedoch. Im Sauspiel versucht W. mittels der Perspektive der Gegenwart auf die historischen Ereignisse um den deutschen Bauernkrieg Einsichten in das Funktionieren konservativer Restauration zu vermitteln. Parallel zu seinem außerliterarischen Engagement probiert W. in Die Gallistl"sche Krankheit die literarische Tauglichkeit einer positiven Lösung. Die Heilung seiner Krankheit, die dem Kristlein-Syndrom von Einsamkeit, Konkurrenzdruck und Rollenzwang entspricht, erfährt Josef G. Gallistl durch eine vorsichtige Anbindung an eine Gruppe befreundeter Kommunisten. Dieser Lösungsversuch entspringt der Einsicht, daß die Rollenkonflikte privat nicht zu lösen sind, sondern nur durch Solidarität und gesellschaftliche Veränderung. Seitdem verschob sich W.s Perspektive von dem Ringen um individuelle bzw. kollektive Heilung auf das bloße Überleben seiner Figuren. Als sich der verdiente Firmenrepräsentant Franz Horn (Jenseits der Liebe) beruflich überfordert sieht und der soziale Abstieg droht, zerbricht auch seine Familie; aber auch sein Selbstmordversuch schlägt fehl. In Brief an Lord Liszt hat sich Franz Horn wieder gefangen und versucht, seine Deformationen aufzuschreiben. Die satirische Pointe besteht im Überdauern verinnerlichter Rollenmuster, deren realer Anlaß nicht mehr besteht: Liszt ist von ihrem gemeinsamen Chef inzwischen ebenso ausgetauscht worden wie vordem Horn. In In Goethes Hand zeichnet W. das Bild Johann Peter Eckermanns, der 1823 erstmals nach Weimar kam und dessen Fixierung auf Goethe lebensentscheidend war. Mitten in der Arbeit an den "Gesprächen" besucht ihn Freiligrath. In einem Interview trifft der neue Geist der Revolution - der Geist Freiligraths, Börnes und Marx" - auf Eckermanns naiv idealisierendes Goethebild. In diesem zentralen Gespräch erscheint Eckermann als ebenso tragikomische wie liebenswerte Figur, und es wird das Verhältnis von deutscher Klassik und deutscher Geschichte beleuchtet. Dorle und Wolf ist eine deutsch-deutsche Spionage- und Liebesgeschichte. Die Rollenproblematik der Figuren W.s. wird im Spion Wolf, für den gesellschaftliche Mimikry lebensnotwendig ist, auf die Spitze getrieben. Ohne einander - die Tragödie einer Gesellschaft, deren Realität so lange umgeschrieben werden muß, bis sie erträglich wird. Autorenlexikon/Systhema Seiten papierbedingt gebräunt. Guter Zustand.

232 Seiten. 18 cm. Taschenbuch. Kartoniert. ISBN: 3518373005.

[SW: Deutsche Literatur der 80er Jahre, Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, Deutsche Literatur der achtziger Jahre]

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Siedler, Wolf Jobst: Wir waren noch einmal davongekommen, Siedler Verlag, September 2004 ISBN: 3886807908 NEUBUCH!
Als der 21-jährige Wolf Jobst Siedler 1947 aus der Kriegsgefangenschaft nach Berlin zurückkehrt, ist die ehemalige Reichshauptstadt eine in Trümmern liegende "Viermächtestadt". Aber selten war das intellektuelle Leben so aufregend, und Siedler hatte daran teil. Im Osten ging er in die Premiere von Bertolt Brechts "Mutter Courage", im Westen in die deutsche Uraufführung von Sartres "Fliegen" und Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen", die Sensation der damaligen Berliner Theatersaison. Für noch mehr Furore sorgten damals junge Autoren, und das Buch erzählt von ihnen. Der junge Heinrich Böll besucht Wolf Jobst Siedler in dessen Dahlemer Elternhaus. Siedler verleiht als Juryvorsitzender Martin Walser seinen ersten Literaturpreis für den Roman "Ehen in Philippsburg", im Kolbe- Haus trifft er den damals halbverfemten Gottfried Benn, der aus ungedruckten Gedichten liest. Als Panzer den Aufstand vom 17. Juni gerade niedergeschlagen haben, wird Siedler 1953 zum Sekretär des "Kongresses für die kulturelle Freiheit" bestellt. Mit 29 Jahren leitet er das Feuilleton des "Tagesspiegels" und wird zu einem Schrittmacher im literarischen und kulturellen Leben der geteilten Stadt. Glänzend erzählt sind seine Begegnungen: mit Thomas Mann in Bad Gastein, mit Konrad Adenauer im Hotel am Zoo, er erinnert sich an Hannah Arendt und Verhandlungen mit Martin Heidegger, an Ernst Jünger und an ein Autorengespräch mit Carl Schmitt. Die legendären Berliner Lokalitäten lässt der Autor vor seinem inneren Auge Revue passieren. Episoden wechseln sich ab mit unvergesslichen Begegnungen und prägenden Lektüren. Wenn die Literaturkritik bislang den Berlin-Roman vermisste, hier findet sie ihn: freilich ein Roman mit einem strengen Realitätsprinzip. Mit leidenschaftlicher Skepsis hat Wolf Jobst Siedler immer wieder auf Versäumnisse und Fehlentwicklungen hingewiesen. Sein Buch "Die gemordete Stadt" sorgte 1964 für Furore. Neben die Kritik tritt der Spaziergang über die "Pfaueninsel": zwei Facetten einer Stadt, deren Zukunft Wolf Jobst Siedler uns in ihrer Vergangenheit entschlüsselt. "Ein großes Berlin-Erinnerungsbuch!" Mitteldeutsche Zeitung "Muntere Kollegen schrieben ihm den Titel 'Mr. Berlin' zu." Die Zeit "Daß das Pflegen, Bewahren und Restaurieren nicht die dekadente Zerstreuung einer sentimentalen Spätzeit ist, lehren Siedlers Essays wie das Werk des Verlegers. Man wünscht sich, daß dieser noble Autor, der das eigene Leben mit der Ehrlichkeit und Diskretion eines römischen Senators in eine historische Perspektive rückt, den in Aussicht genommenen dritten Band über die Jahre als Verleger tatsächlich schreibt." Frankfurter Allgemeine Zeitung

450 S. - Sprache: Deutsch - 50 Abb. - 223x149x47 mm Einband:Leinen (Buchleinen)

[SW: Erinnerung / Journalistik, Medien]

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