Theweleit Klaus
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Theweleit, Klaus: Friendly Fire deadline-TEXTE, STROEMFELD, Dezember 2005 ISBN: 3878779402
Klaus Theweleit, Friendly Fire. Freundliches Befeuern, Friendly fire, unter diesem mehrdeutigen Titel versammelt Klaus Theweleit Texte, Auftragsarbeiten, die in den letzten sechs, sieben Jahren aus ganz verschiedenen Anlässen entstanden sind. Friendly fire- das könnte, so Theweleit, eine Definition des Schreibens sein, sofern es auf ein freundliches Befeuern durch Worte hinweise. Andererseits besagt der Ausdruck in militärischem Zusammenhang: Man wird umgelegt von den eigenen Leuten, scheinbar wie aus Versehen. Um mehr oder weniger freundliches Feuer geht es also: Etwa um die Funken in der Musik Bob Dylans und um die Reaktionen auf diese Musik. Oder es geht um die Schwelbrände, die allerorten im Bereich des Politischen, aber auch in den Beziehungen unter Privatmenschen wahrnehmbar sind. Der neue Band ist wieder eine Art Seitensprung aus seinem umfassenden Projekt, dem Buch der Könige, und das Beiseitespringen ist ja ohnehin Theweleits Methode beim Schreiben. Er bleibt sich also selbst treu; behandelt auch hier seine Themenkomplexe in der für ihn typischen Weise. Er schreibt absolut unökonomisch - aber lieber möchte man sagen: Er schreibt verschwenderisch aus einer Fülle von Einzelbeobachtungen. Theweleit arbeitet wie üblich, also mal irritierend in seiner Sprunghaftigkeit, mal in eben dieser Sprunghaftigkeit erstaunenswert produktiv; er arbeitet erfreulich unorthodox, hellsichtig, und besessen. Er hat es ja auch - auch - mit so oder so Besessenen zu tun. Oder soll man es etwas schlichter eine pervertierte Logik nennen, wenn US-amerikanische Militärärzte die Kampfpiloten vor ihren Einsätzen mit Dosen von Amphetaminen vollpumpen, für die jedem LKW-Fahrer die Fahrerlaubnis entzogen würde Oder soll man sagen, der Logik des Krieges folgend sind solche Verfahren nur extremer Ausdruck der Normalität Eine andere Form der Besessenheit, sprich, der verzerrten, verengten Wahrnehmung von komplexer, verzweigter Wirklichkeit sieht Klaus Theweleit wirksam werden, wo es um die sogenannte horizontale Kollaboration geht. Er bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Ebba Drolshagens Buch über geschorene Frauen; dort schildert Drolshagen das Schicksal von Frauen in besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten. Wie kam es, dass, etwa in Frankreich, die vor den Alliierten flüchtenden Nazis aus dem Blickfeld gerieten und man stattdessen der Volksjustiz an den Frauen ihren Lauf ließ Was ist das für eine nebulöse Aussage, einem Volk werde moralischer Schaden zugefügt Und warum funktioniert ein so ganz unterschiedliches Wahrnehmen desselben Vorgangs: Eine Frau schläft mit einem Mann. Gehört der Mann zu den siegreichen Besetzern und sie zu den Besiegten, die ihre Kultur verlässt und sich ihm hingibt, - siehe Pocahontas - so entsteht der Mythos eines neuen Bundes, so ist sie Heldin. Siegt der Besatzer dagegen nicht, wird er vertrieben, so ist sie diejenige, die ihr Land verrät, so macht sie sich der Kollaboration schuldig. Wem gehört die Frau Die öffentliche Rede weiss Vieles über die Vorteile, die Frauen aus der Beziehung zu einem zunächst siegreichen Besetzer gewinnen konnten. Von Liebe, diesem rätselhaften Zustand, der sich um kein Aussen schert, weiss sie nicht. Noch beunruhigender ist: Die offizielle Rede fragt zwar nach der sexuellen Kollaboration, nicht aber nach der politischen Kollaboration, z.b. der der Vichy-Frauen aus der bürgerlichen Führungsschicht Frankreichs. Wieder anders besessen als die Vollstrecker eines heiligen Volkszorns ist der unheilige Maler Balla W. Hallmann, der 1968 eine Drogenpsychose von einem Aufenthalt im San Fransisco zurück nach Deutschland mitbrachte. Seine Hitlerbilder, die in den Jahren um 1990 entstanden, sind eine wütende Mischung aus Religiösem, Militärischen, Pornographie, Politik, Mythologie und Comic. Theweleit sagt, Hallmann demaskiert Hitler nicht, vielmehr maskiert er ihn mit notwendigen Details. Zu Hitler gehört daher mindestens Bambi, das Unschulds-Reh, sprich, die alten und neuen harmlosen Deutschen, die bis heute ganz mit sich im Reinen sind in ihrer, so Theweleit, aggressiven Wirklichkeitsverkleisterung. In diesem Zusammenhang kritisiert er sehr einleuchtend den Film der Untergang, in dem einmal mehr die fundamentale Übereinstimmung von Hitler mit den Deutschen unkenntlich gemacht werde: Hier der rasende Dämon, da die Bevölkerung, die Vernunft bewahrt. Das Unkenntlichmachen des Konsenses zwischen Hitler und der Bevölkerung, so Theweleit, müsse als tendenziell eliminatorisches Verfahren klar unterschieden werden von dem Verfahren des Übermalens. Denn beim Übermalen geht es im weitesten Sinne ums Verwandeln, es geht um Metamorphosen. Ein anderer Beitrag in Friendly fire zeigt, wo der Maler Paul Cezanne seine Anleihen machte, etwa bei Vernonese. Da ist sein Bild vom Gastmahl in Emmaus, auf dem Jesus im Kreis seiner Jünger das Brot bricht und segnet. Der praktizierende Katholik Cezanne greift Elemente, genauer, er greift den Mittelpunkt aus Veroneses Komposition heraus, er übermalt. So sitzen also in derselben Haltung wieder Männer um einen Tisch. Nur, sie brüten jetzt andächtig über Karten, diesen Gebetsbüchern des Teufels. In einem verwandten Bild hat der Blasphemiker Cezanne die Figur des Jesus ersetzt, er hat sie verwandelt in eine Weinflasche. Nicht alle Beiträge, die Friendly Fire versammelt, hätten unbedingt noch einmal veröffentlicht werden müssen: Die Gespräche/ Texte zum Fussball oder zu Carl Barks, dem Erfinder des Kosmos Entenhausen haben die Rezensentin nicht vom Stuhl gerissen. Ein Gespräch mit Noam Chomsky verläuft reichlich wirr; es ist für beide Seiten wie für den Leser ziemlich peinlich - hier ein irritierend arroganter Chomsky, da ein irritierend beflissener Theweleit - . Und es bringt wenig mehr als die berechtigte wie bekannte Kritik an einem unter Intellektuellen weit verbreiteten Phänomen: Vollmundige Unabhängigkeitsbehauptung bei gleichzeitiger Machtunterwerfung. Weiter: Der Abriss zur musikalischen Sozialisation Theweleits und seine Erinnerungen an Bob Dylan sind - variiert - schon in anderen seiner Bücher aufgetaucht. Es ist schwierig, über prägende musikalische Erfahrungen zu schreiben, ohne dabei in Heldengesänge auszubrechen oder der Musik zuviel Theorie aufzubürden. Aber bei den Texten zur Musik hat man einmal mehr den Eindruck, hier findet ein vielstimmiges Gespräch statt. Natürlich führt es manchmal auf Nebengleise, und manchmal tritt es auf der Stelle. Trotzdem: Dieses Gespräch hat den Charakter des Nachspürens. Es sucht mehr, als dass es findet und fest-stellt im Sinne des Festsetzens. Vielleicht ist es hier gerade das Nichtzurandekommen, das Unstimmige und Unfertige, das einen berührt. Friendly fire, diese Textmasse von 430 Seiten, ist ein immenses Materiallager. Theweleit betrachtet und kommentiert wieder so ziemlich alles zwischen Himmel und Erde, Spirituelles und Prosaisches, den Briefwechsel Gottfried Benn - Ursula Ziebarth, die Folter im US-Gefängnis Abu Ghraib und die Anfänge des Video-Clips. Dass das Buch nicht auseinanderfliegt, hängt mit seinem selbständigen, eigenartigen Interesse zusammen: Aus der Mischung unterschiedlicher Themen ergibt sich eine für diesen Autor spezifische Einheit; sofern Theweleit diverse Phänomene gewissermassen zwischen den Zeilen liest. Seine Wahrnehmungen und Beobachtungen folgen nicht den laufenden Rhythmen des je Aktuellen. Daher bedienen sie diese Rhythmen auch nicht. So werden immer wieder unverhofft Erkenntnisschübe freigesetzt.
NEUBUCH! 2005. 433 S. m. meist farb. Abb. 20,5 cm 209 mm x 137 mm x 34 mm
[SW: Deutsche Belletristik / Essay, Feuilleton, Reportage]
Völkle, Bernd; Theweleit, Klaus: Regal Klaus Theweleit im Gespräch mit Bernd Völkle, MODO VERLAG, April 2010 ISBN: 386833016X
Hätte dieses Projekt einen Paten, es wäre ohne Frage Heiner Müller. Der deutsche Theaterautor, den man kaum jemals ohne Zigarre sah, und dem noch immer seine Fans Zigarren auf sein Grab legen. Was Heiner Müller mit den Zigarrenkisten machte, ist nicht überliefert. Wohl aber, was der Maler Bernd Völkle aus ihnen macht. Er benützt sie als Bildträger mit Hang zum Verborgenen. Auf knapp 50 Zigarrenkisten ist seine Serie mittlerweile angewachsen, Völkle bewahrt sie in einem Regal auf, der einen Setzkasten im wörtlichsten Sinne darstellt. Wo früher Bleilettern gelagert wurden, hat Bernd Völkle nun seine Vorbilder, Wahlverwandte und Antipoden eingestellt. Die Schriftsteller Elfriede Jelinek und Arnold Stadler befinden sich gleichermaßen darunter wie Arnold Schönberg oder Friedrich Nietzsche. Die Köpfe, die Völkle bemalt und beklebt, sind Teil eines besonderen Ordnungssystems, das eng mit seinem Schaffen verbunden ist. Das Gespräch der beiden Freunde Bernd Völkle und Klaus Theweleit, geht den Spuren dieser Künstler nach, entdeckt manches Geheimnis und belässt dieser besonderen Serie ihren ganz eigenen Reiz. Es ist auch eine Unterhaltung über das Wesen der Freundschaft, unterbrochen wird es lediglich durch Wissenswertes über kubanische Zigarrenmarken und die Kunst des Zigarrenrollens.
NEUBUCH! 2010. 80 S. m. 50 Farbabb. 21,5 cm 219 mm x 146 mm x 13 mm 50 Farbabbildungen
[SW: Zigarrenkiste, Völkle, Bernd]
Gottfried Benn - Zangemeister, Wolfgang H. [Hrsg.]: Gottfried Benns absolute Prosa und seine Deutung des "Phaenotyps dieser Stunde". Anmerkungen zu seinem 110. Geburtstag. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1999. ISBN: 3826016769
Ein gutes und sauberes Exemplar. - Literarischer Teil - Ursula Keller - Einführung - Klaus Theweleit - Kunst, Autobiographie des Körpers: "Artographie" - Peter Rühmkorf - "Gottfried Benn" - Helmut Lethen - Drei Männer im Schutt - Wolfgang H Zangemeister - Prismatischer Infantilismus - Ilse Benn - Mein Mann Gottfried Benn - Fotografien Medizinischer Teil - Will Müller-Jensen - Gottfried Benns Rönnefigur und Autopsychotherapie - Gabriele Stotz - Gottfried Benns Burnout-Syndrom - Monika Koch - Zur Funktion von Ambivalenz und Rausch im Werk Gottfried Benns Wolfgang H Zangemeister - Gottfried Benn: Arzt - und Naturwissenschaftler?, - Diskussion - Abschließende Podiumsdiskussion mit: - Helmuth Lethen, Klaus Theweleit, Peter Rühmkorf, - Hanns Zischler und Wolf gang Zangemeister // Am 15.1 1.1996 fand im Literaturhaus Hamburg ein Symposium zu Gottfried Benns Absoluter Prosa und seiner Deutung des "Phänotyp dieser Stunde" statt. Mit Nele Benn Sörensen und Ursula Keller spannte sich der Bogen über Peter Rühmkorf, Klaus Theweleit, Helmut Lethen, Wolfgang Zangemeister von literarischen hin zu psychiatrischen Themen (Gabriele Stotz, Monika Koch, Will Mueller-Jensen). Der "Roman des Phänotyp" ist nach Benns Worten "eine Bezirksbombe an Abwegigkeiten und Exzentrik", ein Roman ohne Handlung, ohne tragende Figur, einem Held der sich nicht bewegt: Ein Roman "dessen einziges Thema die Neurose ist." Mit der Teilung in literarisch, medizinisch und anschließende Diskussion spiegelte sich schon während des Symposiums, noch mehr im vorliegenden Buch die Ambivalenz, Spannung, Gegensätzlichkeit des Benn'schen Lebens und Oevres: In den Personen und ihren Beiträgen. Ist Benns Versuch einer zukünftigen absoluten Prosa eingetroffen - oder doch eher nicht? Sind die Krankheiten, die kollektiven Neurosen, Katastrophen und Untergänge, die Benn diagnostizierte, heute eingetroffen, noch schlimmer? Hat der Lauf der Dinge uns ihm angenähert, greift die alte Verführung noch immer? Auf welchem Fuß stehen wir heute mit dem Dr. med. G. Benn? ISBN 3826016769 - , ISBN-13: 9783826016769
148 S. : Ill., kart.
[SW: Prosa, Literaturgeschichte]
Theweleit, Klaus Müller und Heiner: Heiner Müller, Traumtext. Klaus Theweleit, Roter Stern, Basel ; Frankfurt am Main : Stroemfeld, 1996. ISBN: 3878775792
Buch in guter Erhaltung, Einband sauber und unbestoßen, gering berieben, Seiten hell und sauber, . gibt es Interpretationen, die auf dem Niveau des Gegenstandes, dem sie sich zugewandt haben, bleiben beziehungsweise es erreichen und mit diesem auf wunderschöne Weise verschmelzen. Das ist Klaus Theweleit in seiner Deutung eines Heiner-Müller-Textes gelungen. Das Urbild des Müller-Textes, das, gleich jener Grabinschrift, keinen Kommentar braucht - denn es kommentiert ja bereits eine Szene -, setzt gewissermaßen einen ganzen Fluß von assoziativ sich verkettenden Gedanken frei, dem zu folgen ein faszinierendes Spiel ist. Von daher ist Theweleit weniger Analytiker, als vielmahr Literat, so wie Baudrillard im Grunde auch kein Philosoph, sondern Dichter ist." 3878775792 - , ISBN-13: 9783878775799
78 S. ; 21 cm Pp.



